Politisch nicht korrekt…

5. Oktober 2009
By admin

Ein Deutscher sagt unverblümt, was ihn an Berlin stört. Wien hat übrigens dieselben Probleme.Dieses Interview hatte sich gewaschen: Thilo Sarrazin, Ex-SPD-Politiker und seit Mai Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, hat kürzlich in der kleinen Intellektuellenzeitschrift „Lettre International“ ordentliche Berlin-Schelte geübt. Die Stadt sei nicht elitär aufgestellt, sondern eher „plebejisch und kleinbürgerlich“. Bei der Migrationspolitik müsse es Änderungen geben, weil „türkische Wärmestuben“ die Stadt „nicht vorantreiben“ könnten, und es gebe außerdem das Problem, dass „40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“. Starker Tobak – zu stark für die Bundesbank, die sich von den Aussagen distanzierte. Nach einer Empörungslawine (nicht nur) der Türkischen Gemeinde in Deutschland ruderte Sarrazin zurück. Nicht jede Formulierung sei gelungen gewesen, bedauerte er schließlich.

Stimmt. Was allerdings nicht heißt, dass an Sarrazins Aussagen nicht auch einiges dran wäre: in Wien noch mehr als in Berlin. Bei kaum einem anderen Thema klaffen öffentliche und veröffentlichte Meinung so weit auseinander, wovon natürlich auch Populisten wie Heinz-Christian Strache profitieren. Wer in Wien-Favoriten oder Wien-Simmering nach dem Weg fragt, muss schon außerordentliches Glück haben, um auf einen Ortskundigen zu treffen, der auch der deutschen Sprache mächtig ist. Hier reiht sich ein türkisches Lokal ans andere. Man kauft beieinander ein, schaut türkisches TV, liest türkische Zeitungen, holt sich die Bräute aus den Herkunftsregionen nach und baut sich so das heimatliche Dorf wieder neu auf – samt mittelalterlichen Traditionen, speziell was die Rolle der Frauen betrifft. Diese bekommen die Kinder, für die die österreichische Mittelschicht keine Zeit mehr zu haben glaubt, und vererben ihre Bildungsdefizite weiter, weil ihr patriarchalisches Umfeld der Integration leider im Weg steht.

Wer verhindern will, dass hier ein sozial explosives Proletariat heranwächst, muss Unsummen in Sozial- und Bildungsmaßnahmen stecken. Eine Alternative dazu gibt es nicht, auch wenn die FPÖ glauben macht, man könne diese Gruppe einfach nach Ostanatolien zurückschicken. Sie sind doch längst Österreicher – übrigens in einer „kleinbürgerlich-plebejischen Stadt“, von der sie missmutig beäugt werden und deren Politiker nie visionäre Zuwanderungskonzepte entwickelt haben. Die Probleme, die jetzt offensichtlich geworden sind, hat man zu lange lieber geleugnet.

Martina.Salomon@diepresse.com

(”Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.10.2009)

Link zum Originalartikel: Die Presse

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